handgedanken

Masken und Lyrik – Atelierfenster sedaRt

Leben!

Lange hat der Totentanz leer vor sich hingestarrt, jetzt kommt wieder Bewegung ins Atelier. Die Larven haben ihre Augen, nein eher ihre Nicht-Augen bekommen. Der Blick des Trägers bleibt nun verborgen und schwarz.

Als nächstes befasse ich mich mit der Befestigung. Die Larve soll eine Ganzkopflarve werden. Also benötige ich Hauben, mit denen die Larve befestigt werden kann. Am „Zögerlichen” teste ich den Prototyp und, siehe da, die Larve hält gut. Den Übergang zwischen Stoff und Papierlarve soll noch eine feinere Schicht Papier kaschieren.

Es ist immer wieder ein unglaublicher Augenblick, eine Larve zum ersten Mal an mir selber zu testen. Die Welt wird eng und intensiv vom Geruch des Materials, ich werfe einen Blick in den Spiegel. Mein Gesicht ist fort?

Schritt für Schritt

Die letzten zwei Masken haben ihre Zähne und feineren Konturen bekommen: Der „heitere Tod” und der „Überlegene”

Nun sind alle acht Larven durchgearbeitet und ich kann mit Schleifen und feiner Schnitzarbeit beginnen. Da die Augen des Trägers später nicht zu sehen sein dürfen ist ein Sichtschutz in den Augenhöhlen nötig, der trotzdem den Blick nach außen zulässt. Als Ganzkopfmasken konzipiert steht jetzt zudem der Anbau für eine dehnbare Abdeckung des Hinterkopfes an, die in das Material der Larve fließend übergehen soll.

Zeitgleich entstehen weitere Textfragmente. Hier die Zeilen für den „Grimmigen Tod“ in Anlehnung an „Tod und Kaiserin“:

Blutbleckend gefletscht, der grimmige Zahn.
Da ist er! Er rast im Wahn!
Der Leiber Fleisch zermalmt er gnadenlos,
treibt fort sie wie Vieh in der Gräber Schoß.

Namen gaben zu deiner Zier
die Wenigen, welche entflohen dir.
„Gefräßig“ heißt du, Herr Leichenberg.
Grausen und Pein schmückt dein Tagewerk.

Da stehen sie nun alle in meinem Atelier und in einer Reihe…

Zähne V

Der bösartige Tod

Denkarbeit

Die letzten Tage haben Gedankenfäden um das Stück gesponnen, welches zum Maskenreigen entstehen soll. Ich orientiere mich mit meinen Texten an dem alten oberdeutschen Totentanz aus dem Heidelberger Blockbuch (15. Jh), ein Ausdruck meiner gedanklichen Verbeugung vor dem vermutlich ältesten deutschen Totentanz.

Die grundlegende Struktur des Stückes sieht einen schweigenden Tod vor. Für ihn, sowie für den Trauernden und auch den Sterbenden wird ein Sprecher das Wort führen. Der obere Versblock, im Original darf hier der Tod selber das Wort führen, ist der Beschreibung der auftretenden Maske gewidmet. Im nachfolgenden Versblock richtet der Sprecher sein Wort direkt an den Tod. Diese vier Zeilen sollen eine Beziehung zwischen beiden Darstellern herstellen, jedoch ohne sich inhaltlich auf den eigenen Tod des Sprechers, noch auf den Tod einer anderen Person festzulegen.

Einen Anfang machen die Verse zum „Zögerlichen Tod”. Sie richten sich im Versbau an „Tod und Papst”. Durch das historische Korsett wirken die Zeilen sperrig und naiv.
Ein Resultat, das sich gut ins Konzept einfügt:

Der „Zögerliche”

Im engen Kreis schleicht lange zaudernd er.
Der schwarze immer-Blick lungert leer.
Lahm tastet sein Fingerknochen.
Er kommt stets von hinten gekrochen.

Du, Tod, wirst „Zwiespalt im Gehen” genannt.
Du näherst dich unschlüssig nur, mit zitternder Hand.
Ich heiße dich „Meister Flügellahm”.
Zum Sterben lässt tanzen du qualvoll lang.

Zähne III und IV

Die Hälfte des Reigens ist nun mit Zähnen und Details ausgestatten, ungeschliffen.

Hier nun der plötzliche, der überraschende Tod (links).
Und der Zögerliche (rechts)…

Mit Letzterem tue ich mich schwer. Ich habe viel Zeit benötigt um die Details nachzuarbeiten. Vielleicht liegt es daran, dass ein vager Gesichtsausdruck, die Situation auf der Schwelle, nicht drinnen, nicht draußen, etwas ängstlich, aber doch wollen, dass dies schwer in einem Gesicht zu lesen ist. Hinter der Unentschlossenheit steht ständige Bewegung, das nervöse Hin- und Herschwanken zwischen Zuständen ohne sich festlegen zu können. Wie lässt sich solch eine Unruhe einfrieren?

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass eben genau dieser Knochenmann im Moment in meiner Nähe schleicht. Ich denke viel an G.
Und vieles an der grausamen Unverbindlichkeit des nicht Kommen- aber auch nicht Gehen-wollens hat meine Hände zögerlich und fragend werden lassen.

Zähne II

Der „grimmig Tod“, grenzenlose Zerstörungswut mit gefletschten Zähnen.

Und wir sind so klein.

Zähne

Heute bekam die Traurigkeit  Zähne.

Querschläger: Die Skizze

Erfahrungsgemäß ändert sich noch vieles auf dem Weg zur fertigen Larve. Aber die Grundidee hat ihren Strich bekommen.

Querschläger

Eigentlich hatte ich ein völlig anderes Folge-Projekt im Kopf und dann ist da doch etwas passiert – irgend eine Synapse hat sich womöglich mit einer anderen verknüpft, wer weiß – was mich letztnächtens ins Atelier zurückstürzen und mich einen Abdruck für ein zweites Selbstportrait nehmen ließ:

Ich stelle fest, dass die Grundlage in Gips nicht minder gruselig aussieht wie das vor acht Jahren entstandene erste Selbstportrait – eine Wirkung die wirklich nicht beabsichtigt ist und sich dann doch offenbar immer wieder einstellt. Sich in das eigene Gesicht zu sehen hat etwas dem Körper Entrücktes. Ich habe keinen Zugriff mehr auf meine Mimik.
Die Reaktionen meiner Besucher, wenn sie die ausgestellten Masken betrachten, ähneln sich erstaunlich trotz individueller Wahrnehmung. Besonders intensive Gefühle löst das alte Selbstportrait aus, zumeist negative. Wenn man den Flur entlang geht, dann folgen einem durch das Wandern der Lichtreflexe die Glasaugen. Das Gesicht wirkt lebendig wie es eine Fotografie niemals wiedergeben könnte.

Mittlerweile sind viele positive Aspekte hinzu gekommen. Ich werde sie einbringen, auch wenn man sie jetzt in der Negativform nicht erkennen kann.

Abschluss der Grobarbeit

Die Rohlinge der letzten beiden Larven sind fertig. Ich finde acht ist eine gute Zahl. Sie fühlt sich richtig an. Mein Ziel ist es nicht, zu kategorisieren oder, wie vermessen, alle möglichen Archetypen mit meinen Händen zu erfassen. Ich wähle lediglich subjektive Ausschnitte, Möglichkeiten, eben jene Begegnungen, die mir persönlich wichtig sind:

Welche weiteren Gesichter siehst Du?

Nun beginnt die Feinarbeit. Viel Handwerk in der nächsten Zeit. Die Larven müssen von innen gestärkt werden. Die äußere Fassung in Weiß dient nur einer ersten Kontaktaufnahme um Feinheiten und Mängel wahrzunehmen. Als anschließender Schritt, einer von noch zahllosen weiteren, folgt die Ausarbeitung und Glättung der Konturen mit feingemahlener Pappmaché, sowie des Anbringen jener Details, die beim Fertigen des Abdrucks zu komplex waren.